20.10.2008

Lebenszeichen

Hallo an alle, die sich von Zeit zu Zeit noch auf diese Website verirren. Nun hab ich wirklich eine Weile nichts mehr von mir hören lassen. Über zwei Monate bin nun schon in Mexico und schreibe heute meinen dritten Eintrag. Doch ich gelobe, diese Quote in Zukunft zu verbessern.

Dann will ich mal versuchen mich zu erinnern, was im vergangenen Monat so passiert ist.
Am 14. September habe ich mich nach Lagos de Moreno aufgemacht, um dort mit meinen Verwandten den mexikanischen Unabhängigkeitstag zu feiern. Am 16. September 1610, müsst ihr nämlich wissen, hat ein mexikanischer Priester namens Miguel Hidalgo im Morgengrauen die Kirchenglocken seiner Gemeinde Dolores läuten lassen, um den verschlafenen Bürgern seinen Plan eines Aufstands gegen die spanischen Kolonialherren zu verkünden. Der Beginn der mexikanischen Unabhängigkeit!
Wir jedenfalls sind am Morgen des 14. nach la Unión, einer kleinen Stadt nahe Lagos, gefahren. Dort findet alljärlich im Rahmen der Festlichkeiten eine Veranstaltung statt, deren Zusammenhang mit der Unabhängigkeit sich dem unbedarften Besucher nicht unmittelbar erschließt. Bei der „Coleadera“, was übersetzt soviel heißt wie „Schwanzfest“, reiten eine Reihe mexikanischer Cowboys hinter einem verängstigten Stier her, um diesen am Schwanz zu greifen und ihn durch heftiges Zerren zu Fall zu bringen. Dieses Spaktakel dauert zwei Tage und was anfänglich noch lustig und spannend ist, wird dann doch recht schnell langweilig.

So geriet der Wettbewerb schnell zur Nebensache und es entwickelte sich ein lustiges Gelage, in dessen Verlauf ich mich dann möglicherweise ein bisschen betrunken habe. Gegen Abend hatte mein Onkel Juan dann auch sein erklärtes Ziel erreicht und machte sich voll wie eine Strandhaubitze auf den Heimweg, während meine Tante Lusanna, mein Onkel Alejandro und ich noch in die Stadt fuhren. Auf der zentralen Plaza von la Unión am Abend nämlich ein weiteres Fest statt, deren Spielregeln mir folgendermaßen erklärt wurden. Alle Frauen im heiratsfähigen Alter zirkulieren um die Plaza. Alle Männer (aller Alterklassen) zirkulieren im umgekehren Sinne um die Plaza. Wenn ein Mann eine Frau hübsch findet, bewirft er sie mit Konfetti. Kurzerhand bewaffneten wir uns also mit Konfetti, gingen auf die Jagd und bewarfen alles was uns entgegenkam. Auch meine Tante Lusanna war da nicht eben schüchtern. Leider kann ich nicht behaupten, dass die Reaktionen durchweg positiv waren, was unter Umständen daran lag, dass große Teile Konfetti in diversen Getränken landeten, aber in solchen Situationen kann man dann ja seinen Ausländerbonus ausspielen. ¡No entiendo!

Die Nacht verbrachten wir auf dem Rancho und am nächsten Morgen haben wir, nach einem guten mexikanischen Frühstück, einen kleinen Ausritt unternommen, der mich endgültig zur Einsicht gebracht hat, dass mir das mit dem Reiten leider nicht in Wiege gelegt wurde. Während sich der verfluchte Gaul bei meinem letzten Ausritt darauf beschränkt hat meine Anweisungen zu ignorieren, hatte ich es diesmal mit einem außerordentlich hinterhältigem Klepper zu tun, der keine Gelegenheit ausgelassen hat sich meiner zu entledigen, indem er knapp an einem Kaktus entlangritt oder unter Bäumen hertrabte, an deren tiefhängenden Ästen er mich loszuwerden versuchte. Trotz der hinterhältigen Attacken dieser Bestie, hab ich es zurück zum Rancho geschafft ohne im Schlamm zu landen, jedoch nicht ohne diverse Kratzer davongetragen zu haben.

Später machten wir uns erneut auf den Weg nach la Union um für einige Stunden dem zweiten Teil der Coleadera beizuwohnen. Nachmittags bin ich mit meinem Onkel Juan zurück nach Lagos gefahren. Dort waren wir mit seiner Freundin Carolina und ihren Kindern, Samanta und Nuri, verabredet um auf der Plaza von Lagos den Höhepunkt des Unabhägigkeitstags, zu sehen. Beim sogenannten Grito verliest in jedem noch so kleinen Städtchen von Mexiko der Bürgermeister, oder in den größeren Städten der Gouverneur, ein Loblied auf die Nationalhelden Mexikos, dass von der Menge begeistert wiederholt wird…viva Hidalgo, viva Morelos, viva Allende, viva la independencia, viva Mexico!!!! Also haben wir uns mit Fähnchen und Tröten ausgestattet und sind unserer patriotschen Pflicht nachgekommen.

Zurück in Guadalajara musste ich dann noch eine Uniwoche überstehen, bis ich mich über den Besuch von Lisa freuen durfte. Direkt am Tag nach ihrer Ankunft machten wir uns auf den Weg nach Puerto Vallarta, einer Touristenhochburg an der Pazifikküste, um von dort weiter nach Yelapa zu reisen, wo wir nach 7 Stunden Busfahrt, 40 Minuten Taxifahrt und weiteren 20 Minuten Bootsfahrt ankamen.


Yelapa

Yelapa zeichnet sich dadurch aus, dass es mit dem Auto praktisch nicht zu erreichen ist und dadurch von den Touristenmassen aus Puerto Vallarta weitgehend verschont bleibt. Ausländer gibt es zwar reichlich, aber das sind meist amerikanische Hippies, Rentner oder beides, die dort zumindest einen Teil des Jahres verbringen. Wir jedenfalls haben uns eine kleine Hütte von einem kleinen Mexikaner gemietet und haben dort drei schöne Tage verbracht. Die Zeit haben wir uns mit allem Möglichen vertrieben, nur am Strand waren wir kaum. Dafür sind wir stundenlang über Felsen geklettert und durch den Dschungel marschiert um einen Wasserfall zu finden, den ich bis heute nur aus Erzählungen kenne. Abends sind wir zum Essen ins Dorf gegangen, was sich dadurch schwierig gestaltete, dass unsere Hütte durch einen Fluss vom Rest der Welt getrennt war und es nur eine Furt gab, durch die man besagtes Dorf erreichen konnte. Wie trocken oder nass man am anderen Ufer ankam hing von der Tagesform des Flusses ab. Der allabendliche Rückweg wurde uns zusätzlich erschwert durch Tausende von Kröten, Krebsen und sonstigem Getier, das Abends aus seinen Löchern oder weiß der Geier woher kam um auf dem einzigen Weg zu unserer Hütte weiß der Kuckuck was zu machen (von der allgegenwärtigen Pferdescheiße mal ganz zu schweigen). Nun mag der eine oder andere denken, dass man sich um so eine Kröte nicht zu sorgen braucht, dass die schon weghüpft im letzten Augenblick, bevor man drauftritt. Da war ich mir auch ganz sicher, aber als ich den Beweis antreten wollte, wäre eine dieser Monsterköten fast krepiert, ohne sich allerdings auch nur einen Millimeter vom Fleck zu rühren. Kröten sind laut Lisa übrigens süß, Krebse nicht. Ich weiß beim besten Willen nicht, was an Kröten süß sein soll, aber bitte…

Am zweiten Tag bin ich auf die, wie ich fand, großartige Idee gekommen ein Kajak zu leihen, um damit einen der einsamen Strände zu erreichen, die wir auf der Hinfahrt vom Boot aus gesehen hatten. So toll war die Idee dann aber irgendwie doch nicht, denn in so ‘nem Schnellboot mit zwei 200-PS-Außenbordern ist man halt doch schneller als zu zweit in einem kleinen, gelben Kajak mit einem kaputten Paddel. Nach zwei Stunden sinnlosem Rumgepaddel in der prallen Sonne, hatten wir die Nase voll. Dumm nur, dass ich dieses Kajak schon für zwei Tage gemietet und vor allem bezahlt hatte und es deshalb nicht schon nach zwei Stunden wieder abgeben wollte. Also haben wir das vermaledeite Ding an den Strand befördert und haben uns anderen Dingen zugewandt. Als ich es am nächsten Tag dann doch abgeben wollte, war‘s nicht mehr da. Nun war ich mir aber sicher, dass mir der Typ, bei dem ich dieses Ding geliehen hatte, wenn ich ihm erzählt hätte, dass uns sein Bötchen abhanden gekommen ist, irgendeinen Fantasiepreis berechnet hätte, den ich zu zahlen nicht gewillt gewesen wäre. Deshalb sind wir, und darauf bin ich wirklich nicht stolz, am darauffolgenden Tag einfach abgehaun und so lehnt dass Paddel zu dem Kajak wahrscheinlich bis heute sinnlos an unserer Hütte.

Da ich ja nicht einfach zwei Wochen die Uni schwänzen konnte (wobei, wer Kajakvermieter prellt, der kann auch Uni schwänzen.), mussten wir erstmal nach Guadalajara zurückkehren. Doch gleich am Donnerstag sind wir wieder aufgebrochen, diesmal nach Guanajuato, einer wunderschönen Kolonialstadt nördöstlich von Guadalajara, von der ich in einem frühereren Reisebericht schon erzählt habe. Dort angekommen, wurden wir sehr herzlich in einem kleinen Hotel namens Casa Berta aufgenommen. Die Tage verbrachten wir damit durch die vielen kleinen Gassen, vorbei an unzähligen Kirchen, zu streifen.

Große Teile der Stadt sind nur zu Fuß erreichbar und da die Stadt Teil des UNESCO-Weltkulturerbes ist, gibt es auch da wo Autos fahren keinerlei Verkehrszeichen. Am zweiten Tag unternahmen wir einen Ausflug zu einer der nahen Silberminen denen Guanajuato über viele Jahre seinen Reichtum zu verdanken hatte.


Guanajuato ist links, San Miguel rechts

Am Sonntagmorgen reisten wir weiter nach San Miguel de Allende. Nachdem wir uns die sehr schöne, aber auch recht kleine Innenstadt angeschaut hatten nahmen wir uns ein Taxi zum botanischen Garten, der etwas außerhalb liegt, aber im Lonely Planet als sehr sehenswert angepriesen ist. Obwohl es auch tatsächlich ein schönes Plätzchen ist, ist die Bezeichnung botanischer Garten eine maßlose Übertreibung. Vielmehr ist ein findiger mexikanischer Geschäftsmann wohl auf die geniale Idee gekommen, ein Stück Land, mit dem sonst nichts anzufangen ist, einzuzäunen und als lohnendes Touristenziel zu verkaufen. Inwiefern sich die Landschaft innerhalb des Zauns, von der außerhalb unterscheidet, war für mich jedenfalls nicht erkennbar. Drinnen wie draußen gab es Tausende von Kakteen.

Am nächsten Tag mussten wir auch leider schon wieder die Rückreise antreten. Während ich also wieder ein paar Tage in die Uni musste, in erster Linie um die Hausaufgaben zu machen, die so anstanden und von mir in der Vorwoche etwas vernachlässigt wurden, machte sich Lisa eine schöne Zeit in der Innenstadt von Guadalajara. Nachmittags verbrachten wir aber auch immer noch etwas Zeit gemeinsam. Am Donnerstag fuhren wir noch Tlaquepaque, einem Teil von Guadalajara, der bekannt für sein schönes Zentrum und jede Menge Kunsthandwerk ist. Am Freitag machten wir uns schließlich auf den Weg zu einem letzten Tagesausflug nach Chapala, ehe Lisa am Sonntag die Heimreise antreten musste. Chapala ist ein kleines Städtchen am Rande des größten Sees Mexiko’s. Chapala war aber, auch wenn die Mexikaner das irgendwie anders sehen, nicht sehr schön und eher langweilig, deshalb fuhren wir kurzerhand weiter in das zwanzig Minuten entfernte und wesentlich schönere Dorf Ajijic. Ajijic scheint, wie Yelapa, ein Ort zu sein, wo es viele US-Rentner hinzieht. Jedenfalls ist alles sehr beschaulich und gepflegt und viele Hauswände sind mit kunstvollen Malereien verziert. Nach einem letzten Tag in Guadalajara, brachte ich Lisa Sonntag zum Flughafen.

Seitdem ist hier auch nichtmehr sehr viel passiert. Vergangenen Freitag gab mein Mitbewohner Tlacateca eine Geburtstagsfeier. Nach einem eher ruhigen Beginn, hatten wir die Bude gegen ein Uhr nachts dann voll. An vieles kann ich mich nicht danach nicht mehr erinnern. Jedenfalls riecht es nun in einer Ecke unserer Terasse stark nach Urin und die etwas morbide anmutende Wandmalerei in meinem Zimmer wurde um einige Grafittis erweitert. Desweiteren wurde der Sombrero von Tlaca entwendet. Weitere Schäden haben wir bislang nicht verzeichnen müssen.

Ich wünsche euch allen alles Gute und danke jenen, die ihre Grüße hier hinterlassen haben. Ich melde mich bald wieder.
Saludos de Guadalajara…

P.S.: Mein herzliches Beileid an alle Unterstützer des VfB, aber diesmal waren wir einfach besser. Nehmt’s wie echte Sportsmänner. Schöne Grüße vom Platz 4 der Bundesliga…

Hallo Liebe Leute,
es ist mal wieder an der Zeit, euch auf den neuesten Stand zu bringen. Und das Beste ist wohl, mit dem Reisebericht da weiterzumachen, wo ich beim letzten Mal aufgehört habe. Am Wochenende nach meinem letzten Eintrag, hab ich meine sieben Sachen gepackt und habe mich auf den Weg nach Lagos de Moreno gemacht, wo mein Onkel Juan, wohnt. Die Fahrt nach dorthin dauert etwa zweieinhalb Stunden, aber weil ich mindestens genauso lange gebraucht hab, um den Busbahnhof in Guadalajara zu finden, bin ich erst spät am Abend dort angekommen. Lagos de Moreno ist ein kleines, hübsches Kolonialstädtchen, etwa so groß wie Ulm, nordöstlich von Guadalajara. Mein Onkel wohnt außerhalb der Stadt der Stadt in einem sehr schönen Haus. Auf dem Grundstück wohnen außerdem ein Pferd, ein Hund und ein Hahn. Da sich der Gaul entschieden dagegen wehrt geritten zu werden, steht er aber den ganzen Tag dumm rum und frisst oder gafft durch die Fenster ins Haus.

Am nächsten Morgen machten wir uns zeitig auf den Weg zum Rancho, einem uralten Gebäude, das schon seit Ewigkeiten im Besitz meiner mexikanischen Familie ist. Dort trafen wir auf Enrique, einen weiteren Onkel, und sattelten die Pferde für einen kleinen Ausritt. Das letze Mal, als ich in Lagos war, versuchte mein Opa mir, einem verwöhnten Stadtkind, den Reitsport etwas übereilt näherzubringen und lieh mir einen Satz Sporen, was mir gut gefiel, meinem Pferd aber gar nicht. Als ich aufstieg, legte dieser verschissene Klepper ein ungeahntes Temperament an den Tag und galoppierte urplötzlich los, während ich alle Mühe hatte mich im Sattel zu halten. Als ich erkannte, dass das gute Tier schnurstracks auf ein paar Bäume zusteuerte um mich an den niedrigen Ästen loszuwerden, entschied ich mich zu einem todesmutigen Sprung in den Dreck, um meinem nahenden Tod zu entrinnen. In Anbetracht meiner begrenzten Reitkünste wurde mir dieses Mal ein Pferd hergerichtet, das wahrscheinlich die mexikanische Revolution noch erlebt hat, mit Sicherheit aber die 90 Pferdejahre schon weit überschritten hatte und daher eine gewisse altersbedingte Gutmütigkeit aufbrachte. Mit anderen Worten: Genau das richtige Pferd für mich, und so stand unserem Ausflug nichts mehr im Wege. Und wie wir da so ritten fühlte ich mich zunehmend sicherer und mich überkam ein Anflug von Hochmut. Ich fühlte mich frei, ich ritt auf einem Pferd, folgte den Spuren meiner Ahnen. Ich glaubte tatsächlich ich hätte Kontrolle über dieses Geschöpf, auf dessen Rücken ich mich befand und so entschied ich mich ganz verwegen, kurzerhand eine andere Richtung einzuschlagen, und nicht weiter meinen Onkeln zu folgen. Das ging auch ca. 50 Meter gut, doch dann blieb mein treues Ross stehen und ließ sich weder durch gutes Zureden, noch durch rohe Gewalt dazu bewegen auch nur einen einzigen Meter weiterzureiten. Ich wünschte mir die Sporen meines Opas, um dem verfluchten Gaul Beine zu machen, aber was blieb mir übrig, als klein beizugeben und schließlich zurück zu den Anderen zu reiten und mir bewusst zu machen, das mein Traum vom Cowboydasein eine Illusion war.

Nach vielleicht drei Stunden machten wir uns auf den Rückweg nach Lagos, wo mein Onkel Juan ein Familienessen organisiert hatte. Es kamen sämtliche Verwandte aus der Umgebung, viele auch aus Leon, was etwa eine Stunde von Lagos entfernt liegt. Ich wurde noch zwei weiteren Onkels und drei Tanten vorgestellt und lernte außerdem noch sechs Cousins und Cousinen kennen. Als sich gegen Abend alle auf den Heimweg machten, fragten mich meine Cousinen, ob ich Lust hätte mit nach Guanajuato in eine Disko zu kommen. Guanajuato ist eine wunderschöne kleine Stadt, die vor allem bekannt für den Abbau von Silber während der Kolonialzeit ist und die Disko war auch im Stile einer Mine, einige Meter unter der Erde aus dem Stein gehauen. Leider habe ich nicht viel von der Stadt gesehen, aber genug, um mir vorzunehmen, sehr bald wiederzukommen.
Am nächsten Tag bin ich erst um 2 Uhr Nachmittags wiedergekommen und wir haben den Abend in der Bar meines Onkels Juan verbracht. Ein altes Gebäude im Kolonialstil, welches schon eine Taverne beherbergte, als Besucher noch mit dem Pferd anreisten.
Am nächsten Tag unternahmen wir noch einen ausgedehnten Spaziergang durch die Stadt, bevor ich mich nachmittags auf den Rückweg machte.

Am folgenden Dienstag begann das Semester an meiner Uni. Ich habe fünf Kurse: Agentes Inteligentes, Sístemas Operativos, Sístemas Embebidos, Programación Grafica und Programación Web. Montag ist mein freier Tag, Dienstags und Donnerstags bin ich von 9 Uhr morgens bis 10 Uhr abends an der Uni und Mittwochs und Freitag hab ich noch einen Kurs um 7 Uhr morgens, was für mich bedeutet, das ich um Viertel vor sechs aufstehen muss, um mich zur überfüllten U-Bahn zu schleppen. Von der Endstation des Tren Ligero gibt es einen Shuttle-Service vom Iteso, der mich zur Uni bringt. Dieser lässt leider öfter auf sich warten. Das schöne ist, dass ich zwischen meinen Vorlesungen ausgiebige Pausen habe und mir ein Bäumchen suchen kann, um eine kleine Siesta einzulegen. Die Kurse unterscheiden sich erheblich von dem, was wir so gewohnt sind. Zu Beginn jeder Stunde wird die Anwesenheit überprüft, wobei mein Nachname regelmäßig für Heiterkeit sorgt. Dann wird der Stoff der letzten Stunde wiederholt und es werden Fragen an die Studenten gerichtet. Insgesamt also eher wie inner Schule. Die Atmosphäre ist dennoch entspannt, es wird viel rumgealbert und die Dozenten sind locker.

Neben der Uni finde ich immer noch Zeit etwas durch die Stadt zu schlendern und mir das Treiben auf der Straße anzuschauen. Vor kurzem bin ich unfreiwillig in eine Show von zwei Straßen-Clowns geraten. Da ich den Touri-Look mit Kamera, Flip-Flops und Sonnenbrille immer stramm durchziehe, war ich prädestiniertes Opfer und wurde prompt nach vorne gebeten. Da ich nicht viel verstanden hab, konnte ich nur infantil grinsend dastehen, während die beiden zur Belustigung aller Anwesenden reichlich Zoten rissen.

Aber so ist das halt, wenn man fremd und nicht vertraut mit den regionalen Sitten und Gebräuchen ist. Das Müllentsorgungssystem ist zum Beispiel eines dieser Rätsel des Alltags. Als ich letzte Woche von der Uni kam und gerade die Haustür aufschließen wollte, fuhr die Müllabfuhr vorbei und der Fahrer gab mir mit Rufen und Zeichen zu verstehen, das ich doch bitte die Mülltüten von der Straße hinten in den Müllwagen schmeißen sollte. Ich bin ja nicht zimperlich, also in die Hände gespuckt und los ging’s. Während also der Müllmann vorne in der Fahrerkabine saß und ich hinten mit den Mülltüten hantierte, kamen dann noch zwei ältere Damen hinzu, drückten mir ihre Mülltüten in die eine Hand und fünf Pesos in die andere Hand, und verschwanden wieder. Diese Geschichte fanden meine mexikanischen Mitbewohner recht lustig.

Auch an den Verkehr muss man sich gewöhnen, selbst wenn man so ein ausgebuffter Großstadtmensch ist, wie ich. Fußgängerampeln gibt es nur sehr sporadisch. Man muss sich also danach richten, wann die Autos rot haben, um eine Straße zu überqueren und man sollte sich beeilen, denn wenn die Ampel auf grün springt, fahren die Autos los. Wer dann noch auf der Straße ist hat Pech. Kein Wunder also, dass Unfälle hier an der Tagesordnung sind. Ich selbst hab schon vier gesehen. Als ich vor einer Woche beispielsweise zum Laden an der Ecke gehe und gerade über Straße gehen will, fährt da eine Karre volles Rohr bei rot über die Ampel und kracht in einen Motorroller. Der Typ fliegt seitlich von seinem Motorroller und schlittert ein zwei Meter über den Asphalt. Ich denk natürlich: Fuck, der steht nicht mehr auf!!! Da dreht der Typ sich um stöhnt ein bisschen, nimmt den Helm ab. Ein paar Sekunden später kommt die Polizei. Als ich aus dem Laden komme ist der Rollerfahrer, den ich schon im Himmel wähnte, dabei den Autofahrer lautstark und äußerst unfein zu beschimpfen. Zu Recht natürlich.

Auch das Taxifahren will gelernt sein. So reicht es nicht etwa aus, wenn man Straße und Hausnummer kennt. Man sollte zumindest auch noch die Querstraßen und die Colonía (so ne Art Bezirk) kennen. Gestern saßen wir mal wieder in einem Taxi ohne eben dieses essentielle Wissen und sind eine geschlagene Stunde durch die Stadt gegurkt, um eine Adresse zu finden. Auch die Anordnung der Haunummern ist recht verwirrend. Da folgt schon gerne mal eine Nummer 12 auf eine Nummer 6085. Am Ende sind wir jedoch sicher ans Ziel gekommen und unser Taxifahrer, der bezeichnenderweise Jesus hieß, hat uns gerade mal knapp 150 Pesos (10€) abgeknöpft.

Am Freitag kam meine Tante Lusanna mit Mann und Kindern, anlässlich einer Ausstellungseröffnung meines kunstschaffenden Onkels Carlos nach Guadalajara. Auf dieser Veranstaltung gab es viel Kunst, viel Mezcal und ein Wiedersehen mit jenem älteren Herrn, auf dessen Fiesta ich mich eines Abends wiederfand. Ich hab den Typen ja schon in meinem letzten Eintrag eingehend beschrieben. Jedenfalls hab ich mich nicht gewundert, dass der Typ Künstler ist. War eigentlich klar.
Nach der Ausstellungseröffnung sind wir noch in eine Cantina gegangen. Eine traditionelle Bar, wo getanzt, gespeist und viel getrunken wird.
Am Samstag sind wir dann zu Bruno und Indira, guten Freunden von Carlos und Lusanna gefahren. Die beiden leben in Zapopan, ein Stückchen außerhalb von Guadalajara, in einem Haus, das von einem Wald umgeben ist, in dem die Affen in den Bäumen rumturnen. Dort wurde dann gegrillt und jede Menge Gras geraucht. Ich habe zwischendurch ein bisschen mit meiner 5-jährigen Cousine Natalia am Teich gespielt. Ich glaube Natalia hält mich für bescheuert, weil ich nicht alles verstehe und komische Sachen sage, aber wir hatten trotzdem Spaß.

Soviel für den Moment, danke für die Kommentare, Peace…

14.08.2008

Die ersten Tage

Hallo liebe Leute,
nachdem ich bislang etwas schreibfaul war, will ich nun mal anfangen zu berichten, wie es mir hier in den ersten 10 Tagen so ergangen ist. Im Großen und Ganzen hat alles wunderbar geklappt. Mein erster Flug ging von Berlin nach London. Dort hab ich einen weiteren Austauschstudenten, Ferdinand, getroffen, der auch mit mir in Ulm studiert. Von London ging es nach Dallas. Beim einchecken wurde Ferdinand erstmal von oben bis unten gefilzt, während ich unbehelligt passieren durfte. In Dallas hab ich mich beeilt, um schnell die Einreiseformalitäten hinter mich zu bringen, mein Gepäck vom Gepäckband zu nehmen und selbiges, nachdem es erneut kontrolliert wird, wieder aufzugeben. Schließlich habe ich auf einer früheren Reise nach Mexiko durch eben diese schwachsinnige Prozedur meinen Anschlussflug verpasst. Dumm nur, dass auf dem Gepäckband nicht ein einziger Koffer war, der mir bekannt vorkam. Dabei hatte ich beim Einchecken in Berlin extra noch gefragt, ob sich an den Sicherheitsmaßnahmen etwas verändert hat, und die Antwort war ein klares Nein. Als ich gerade mit dem komplett ahnungslosen Gepäck-Menschen von American Airlines sprach, kam dann auch ein leicht verstört dreinblickender Ferdinand hinzu. Nachdem man ihn in London schon gefilzt hatte, wurde er in Dallas noch mal in ein halbstündiges Verhör genommen. Dabei wollte der, genau wie ich nichtmal in den Staaten bleiben, sondern eben nur durchreisen. Wenigstens war einer seiner beiden Koffer auf dem Gepäckband. Als wir einige Stunden später in Guadalajara ankamen waren wir also umso erleichterter, als wir unser Gepäck in die Arme schließen konnten. Versteh einer die Amis! Da unserer Flug mehrfach verschoben worden war, hatte ich schon nicht mehr damit gerechnet, dass wir abgeholt werden würden, doch tatsächlich stand da unsere Tutorin, Katia, auch eine Studentin am ITESO, die dort auf uns gewartet hatte und uns ins sicher ins Hostel brachte. Noch am gleichen Abend konnte ich meinen ersten Taco in einer kleinen Bude am Straßenrand essen.

Hostel Guadalajara

Die nächsten Tage verbrachten wir hauptsächlich mit der Wohnungssuche. Das erste Haus gehörte einer Frau, die praktisch jeden begehbaren Quadratmeter ihrer Wohnfläche schon an vier andere Studenten vermietet hatte und zudem noch einen Frisiersalon im Wohnzimmer untergebracht hatte. Es waren jedoch auch ein paar sehr nette Familien darunter.
Natürlich haben wir uns auch die Stadt etwas angeguckt. Es gefällt mir hier wirklich gut. In der Altstadt gibt es auch einige schöne und interessante Gebäude, wie etwa die Kathedrale oder das Teatro Degollado, aber natürlich ist es nicht überall schön, aber es ist unheimlich viel los auf den Straßen und es gibt sehr viel zu sehen. Überall preisen Verkäufer ihre, teils exotischen, Waren an. An jeder Ecke kann man sich für ein paar Pesos verköstigen lassen. Fünf Tacos, frischgepresster Saft oder eine Cola kosten etwa 0,70 €, ein Bier in einer Bar kostet selten mehr als 1,50 €, was ja für den einen oder anderen von euch schon ein Hauptkriterium für das Paradies auf Erden sein dürfte. Allerdings schmeckt nicht alles, was die Mexikaner als Delikatesse anpreisen. Vor ein paar Tagen hab ich mir auf einem Markt ein Plastikbecher mit Melonenstücken gekauft, da würzt diese verfluchte Verkäuferin ungefragt mit Limone und reichlich Salz nach. Kann man mal probieren, muss man aber nicht.
Nach einigen Tagen im Hostel habe ich eine Wohnungsanzeige gefunden, die sich sehr interessant anhörte. Eine Wohnung, nahe einer U-Bahnlinie, die ziemlich direkt zu meiner Uni führt und nur zwanzig Gehminuten vom Zentrum liegt. Dort wohnen zwei mexikanische Brüder, Tlacaelel und Tlacacatl , die den gleichen Spitznamen, nämlich Tlaca, haben, und ein mexikanisches Mädchen, Efe. Nach 2 Tagen weiterer Suche, habe ich zugesagt und wurde dann noch am selben Abend zu einer Fiesta eingeladen. Als ich gegen neun dort ankam saßen alle da und spielten Karten. Ein weiterer Mexikaner, Oscar sagte mir dann nach ein bisschen Smalltalk, dass er noch arbeiten müsse und fragte, ob ich mitkommen wolle, würde nur 15 Minuten dauern. Kann man natürlich nicht nein sagen, also haben wir uns auf die Socken gemacht. Als wir an einer Tankstelle vorbeikamen, angelte sich Oscar eine Plastikflasche aus einem Mülleimer und befüllte sie mit Benzin für genau 4 Pesos (weniger als 30 Cent). Auf mein Fragen hin erklärte er mir, er bräuchte das zum Feuer machen. So besoffen war ich noch gar nicht, und deshalb kam mir die ganze Sache schon ein bisschen Spanisch vor. Nachdem wir seinen Mitbewohner bei ihm abgeholt hatten kamen wir schließlich bei einer Bar an. Dort lieferte er dann eine Wahnsinns-Jonglier-Show mit brennenden Stäben ab. Das ganze nur wenige Zentimeter von den Gästen entfernt. Umso beeindruckender, wenn man bedenkt, dass er nicht eben nüchtern war. Als wir um Mitternacht zurück zum Haus kamen. Waren zwar mehr Leute da, aber so richtig los war trotzdem nichts. Erst um 1 Uhr nachts sind wir losgegangen und kurze Zeit später waren wir auf einer mexikanischen Hausparty. An viel kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich weiß nur noch, dass es mindestens einen große Hund gab und das der Besitzer des Hauses entweder schon weit über 70 war oder schon jede Droge ausprobiert hat, die es auf diesem Planeten bzw. in Tijuana zu kaufen gibt und das es Tequila gab. Viel Tequila. Am nächsten Tag war ich schon um 10.00 Uhr wach. Aufstehen konnte ich aber erst so gegen 3 Uhr Nachmittags. Noch am gleichen Tag bin ich umgezogen.


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Mi Casa
Das Haus hat zwei Stockwerke. Mein Zimmer ist im oberen Stockwerk. Das Mobiliar ist so runtergekommen wie in der Pufferbar und an den Wänden hat sich irgendein verkannter Künstler ausgelassen und alles mit schwarzen Gestalten und suizidalen Gedanken verziert. Ich habe Zugang zu einer großen Terrasse, wo ich eine Hängematte und meinen Schreibtisch aufgebaut habe. In der Küche ist abends praktisch immer was los. Entweder wird gegessen, geredet oder Spiele gespielt. Beim Stadt, Land, Fluss konnte ich gestern trotz wiederholter Betrugsversuche nicht gewinnen. Ich kann nicht behaupten, dass es eine sehr ordentliche WG ist, ich kann aber ebenso wenig behaupten, dass mir das nicht entgegenkommt. Im Badezimmer gibt es keine Duschkabine, sondern lediglich eine Wasserdüse oberhalb des Waschbeckens. Gewöhnungsbedürftig ist dabei die Anordnung der Dusch- und Waschbeckenarmaturen, da man diese leicht verwechseln kann. Wenn man nicht aufpasst duscht man, täglich mehrmals unfreiwillig.
Zum Abschluss noch eine Tatsache: Man kann zwei Verlängerungskabel aneinander schließen ohne die Sicherung rauszuhaun und einen elektrischen Schlag zu bekommen. Drei sind zuviel.
In diesem Sinne, bis bald…

P.S.: Berlin Forever!!! Hertha rules!

20.07.2008

Bald geht’s los

Hallo liebe Leute!!!
Hab an dieser Stelle noch nicht viel zu berichten. In Zukunft werde ich versuchen in einigermaßen regelmäßigen Abständen kurze Berichte und ein Paar Bilder und Videos einzustellen. Am 3. August geht’s los.
Freu mich von euch allen mal zu hören…

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